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Heimatpflegeverein übergibt neuen Flyer zum Stadtrundweg an Bürgermeister Dirk Oestringer


Am 03. September 2020, fast auf den Tag genau 40 Jahre nach Eröffnung des Stadtrundweges überreichte der Verein für Heimatpflege Gerlingen den überarbeiteten Flyer zum Stadtrundweg an Bürgermeister Dirk Oestringer. Mit dabei war unser Ehrenbürger und früherer Bürgermeister Albrecht Sellner, der 1979 als Erster Beigeordneter wesentlich an der Gründung des Heimatpflegevereins und dann an der Schaffung des Stadtrundweges beteiligt war. In Ergänzung zu der schon 1980 erstmals aufgelegten ausführlichen Broschüre, welche die einzelnen Stationen erläutert und ergänzende Informationen bietet, hat der Verein 2016 einen kurzgefassten Flyer als Faltblatt herausgebracht. Dieser wird kostenlos an Interessierte abgegeben und liegt im Rathaus, im Stadtmuseum, in der Stadtbücherei und an weiteren Stellen aus. Infolge von Veränderungen im Stadtbild wurde eine überarbeitete Neuauflage sinnvoll, die mit der Übergabe an den Bürgermeister der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.

Bürgermeister Oestringer dankte dem Verein für das große Engagement zum Erhalt des gewachsenen Stadtbildes und zur Vermittlung von Wissen über die Geschichte der Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten. Gerne mache er Besucher auf den Stadtrundweg aufmerksam, den er auch persönlich sehr schätze. Er ermutigte den Verein ausdrücklich, seine Aktivitäten fortzusetzen und versprach seitens der Stadt weiterhin gute Zusammenarbeit. Dazu gehöre die enge Kooperation mit dem Stadtarchiv und dem Stadtmuseum, die durch Klaus Herrmann und Christina Vollmer vertreten waren.

Jürgen Wöhler dankte als Vorsitzender des Vereins den Vorstandsmitgliedern Eberhard Köble und Gerhard Schweizer, die qualitätsvolle Bilder zum neuen Flyer beigesteuert haben, Klaus Herrmann für das Lektorat sowie Petra Hagelauer für die graphische Gestaltung. Die Ermutigung durch Bürgermeister Oestringer aufnehmend kündigte er die Überarbeitung auch der ausführlicheren Broschüre zum Stadtrundweg an. Er hoffe, dass der neue Flyer die Popularität des Stadtrundwegs weiter steigert und zusammen mit den 32 Stationen vor allem jüngeren Gerlingern die Sehenswürdigkeiten ihrer Heimatstadt näher bringt.

Jürgen Wöhler, Vorsitzender
www.heimatpflegeverein-gerlingen.de

Übergabe Stadtrundweg-Flyer

Hinter Bürgermeister Dirk Oestringer und Jürgen Wöhler von li. n. r. Brigitte Fink, Gabriele Schwarz und Christina Vollmer sowie Eberhard Köble, Klaus Herrmann und Albrecht Sellner.

Am 11. 9. 2020 im Amtsblatt der Stadt Gerlingen veröffentlicht.

Heiteres Beruferaten: Gerlingen anno 1776!


Dampflokheizer, Stenotypistin oder Telefonvermittlung waren vor nur 50 Jahren gängige Berufe, finden sich aber heute in keiner Stellenanzeige. Umgekehrt hätte man sich damals unter Compliance-Abteilung, Webdesigner oder Gleichstellungsbeauftragte wenig bis nichts vorstellen können. Noch nie war der Wandel von Berufsbildern so dramatisch schnell, auch wenn man die Bedeutung der zuerst genannten Berufe noch kennt.

Anders sieht es bei den im Dorf Gerlingen vor 250 Jahren vertretenen Berufen aus, wo die Söhne und Enkel den Beruf der Vorfahren übernahmen. Friedrich Schaffert, unser Ehrenbürger und langjähriger Archivleiter hat für das Jahr 1776 das Seelenregister des Pfarrers Ludwig Christian Pfeilsticker ausgewertet, dazu alte Kirchenbücher und weltliche Inventurakten. Neben hoch interessanten Details zu Familienverhältnissen und Sozialstruktur der ca. 1000 Einwohner hat er die Berufe aufgeführt, die uns heute oft unbekannt sind. Oder kennen Sie die folgenden Berufe und Funktionen?

Zainenmacher (macht Körbe), Küfer (Fässer), Wagner (Räder), Seiler (Seile), Salpeterer (sammelt in den Ställen Salpeter für Schießpulver), Maulwurfsfänger, Kärcher (Karrenführer), Kübler (Holzgefässe), Orgeltreter, Feldmesser, Fleckenschäfer, Nachtwächter, Kühhirt, Umgelter (kassiert “Umgeld”, eine Verbrauchsteuer auf alkoholische Getränke), Zoller (Zolleintreiber), Strumpfweber, Heiligenpfleger (Kirchenpfleger).

Daneben gab es die Kerzenmeister des Schneider- und des Schuhmacherhandwerks, den Obermeister Maisch der Küferzunft, einen Dorf- und einen Waldschütz sowie natürlich auch heute noch aktuelle Berufe. Allerdings unterscheiden sich deren Zahlen beträchtlich, denn es gab 1776 einschließlich Ruheständlern aber ohne Auszubildende immerhin 13 Metzger, 12 Bäcker, 69 Weingärtner und 30 Bauern. Als Bauern galten aber wohl nur Selbständige, während Weingärtner auch Taglöhner oder Arbeiter sein konnten. Zudem hatten fast jede Familie und sogar der Pfarrer etwas Vieh und einen Acker oder Weinberg. Mangels Zugang zur Glems gab es keinen Müller in Gerlingen, dafür die ganz besondere Berufsangabe “Eigenbrötler”, was den einzigen Junggesellen bezeichnete.

Jürgen Wöhler, Vorsitzender
www.heimatpflegeverein-gerlingen.de

Türschild von Küfermeister Maisch 1787

Türschild von Küfermeister Maisch

Am 28. 8. 2020 im Gerlinger Anzeiger veröffentlicht.

Vom Gasthaus “Schwanen” zum Metermaß und zur Hausnummerierung

Wie kommt man zu einer Überschrift mit solchen Assoziationen? Indem man für das ehemalige Gasthaus Schwanen in der Neuauflage des Flyers zum Stadtrundweg einen fundierten Kurztext recherchieren will und auf überraschende Erkenntnisse stößt.


Alter Schwanen von 1871, Meterstr. 10

Alter “Schwanen” von 1871, Meterstr. 10


Es beginnt mit der ungewöhnlichen Adresse Meterstraße, die es sonst wohl nur noch in Hannover gibt. Unsere Gerlinger Meterstraße war 1871 eine der ersten Straßen außerhalb des Etters als überkommener Dorfgrenze und die erste im neuen Metermaß vermessene sowie völlig gerade Straße. Das französische Metersystem war zum 1. 1. 1872 auch im Königreich Württemberg verbindliches Längenmaß geworden und mit der Straßenbenennung zeigte sich Gerlingen an der Spitze des Fortschritts.

Bei Herleitung von Straßennamen in Gerlingen stößt man zwangsläufig auf die einschlägige Veröffentlichung von Klaus Herrmann, Leiter unseres Stadtarchivs. Dort findet sich die Information, dass Gerlingen erst im Jahre 1900 durch Gemeinderatsbeschluss die Hausnummern nach Straßen zugeteilt hat, wobei der “Schwanen” zu Meterstraße 10 wurde. Zuvor gab es für den gesamten Ort durchlaufende Hausnummern. Neu erbaute Häuser wurden nach der letzten Nummer angefügt, was bei zuletzt 276 zum Teil weit verstreuten Hausnummern wohl nicht nur den Postboten überforderte. Dabei war diese chronologische Nummerierung schon ein Fortschritt gegenüber dem Beginn des 19. Jahrhunderts, als Häuser nur nach ihrer Lage, dem Besitzer oder dem Aussehen bezeichnet wurden.

Doch zurück zum alten “Schwanen”, der 1871 am Ende der Eltinger Straße, dem damaligen Ortsende erbaut und 1910 vom Wirt und Bäckermeister Eduard Wagner durch einen Saalanbau vergrößert wurde. Zielkundschaft waren vor allem die Steinbrucharbeiter, die am Abend von den Brüchen auf der Gerlinger Heide, Im Köngemann oder bei der Füllerstrasse zurückkamen.

Neuer "Schwanen", 1928-2000, Ecke Haupt-Kirchstr.

Neuer “Schwanen”, 1928-2000, Ecke Haupt-/Kirchstr.


Doch 1928 verlegte Eduard Wagner den “Schwanen” an die zentral gelegene Ecke Haupt-/ Kirchstraße, wo sich heute das 2001 neuerbaute “Alt-Gerlingen” befindet. Der alte “Schwanen” wurde nicht mehr als Gasthaus genutzt, diente aber während des Zweiten Weltkrieges als Unterkunft für französische Kriegsgefangene. Eduard Wagner folgte damals wie heute jedes Fast-Food-Restaurant dem Kundenverkehr, denn es gab kaum noch Steinbrucharbeiter, aber regen Besucherverkehr am neuen Standort. Dort war neuerdings die Endhaltestelle der Straßenbahn von Feuerbach mit vielen pendelnden Fabrikarbeitern und am Wochenende kamen Spaziergänger aus Stuttgart mit Ziel Solitude. Ältere Gerlinger erinnern sich auch sicher noch gerne an Festlichkeiten und Tanzvergnügen im großen Saal des “Schwanen”.

Jetzt gibt der alte “Schwanen” Anlass für einen Ausflug in die Gerlinger Geschichte. Damit wollen wir auch Vorfreude auf den neuen Flyer zum Stadtrundweg wecken, der am 5. September 2020 vorgestellt wird. Das ist auf den Tag genau 40 Jahre nachdem der Verein für Heimatpflege Gerlingen den Stadtrundweg der Öffentlichkeit übergeben hat.

Jürgen Wöhler, Vorsitzender
www.heimatpflegeverein-gerlingen.de

Am 7. 8. 2020 im Gerlinger Anzeiger veröffentlicht.

Die Gerlinger und ihre Solitude


Gerne zeigen wir auswärtigen Gästen im Vorbeifahren oder beim Spaziergang die Solitude und genießen deren Begeisterung über das schöne Schloss und den spektakulären Ausblick. Dass man sich nicht mehr auf Gerlinger Gemarkung befindet, wird schamhaft verschwiegen oder von historisch Informierten mit der Enteignung durch die Nationalsozialisten im jahr 1942 entschuldigt.

Am Vergleich vom 12. Juni 1951, in dem Gerlingen gegen einen finanziellen Ausgleich auf Rückgabe der Solitude durch Stuttgart verzichtete, lässt sich leider nicht mehr rütteln. Doch für unseren historischen und moralischen Anspruch auf die Solitude gibt es genügend gute Gründe: die Lage des Schlosses auf überwiegend Gerlinger Markung, aber auch die beim Bau überwiegenden Gerlinger Fron- und Quartierdienste sowie Materiallieferungen – oft ohne entsprechende Entlohnung.

Schloss Solitude

Herzog Carl Eugen (1728-93) beschloss bei einer Herbstjagd im Jahr 1763, mitten im Jagdrevier und mit großartigem Ausblick ein Jagdschloss zu bauen, um sich in der “Einsamkeit” (frz.: solitude) zu erholen. Schon im November, nach Ernte und Weinlese wurde mit Rodungsarbeiten begonnen. Obwohl der größte Teil des “Solitude-Bauweßens” auf Gerlinger Markung lag, findet sich kein Beleg für Kauf oder vertragliche Abtretung. Deshalb dürfen wir von einer Enteignung ohne einen einzigen Federstrich ausgehen.

Ein Großteil der Arbeiten wurde als Frondienste durch Gerlinger geleistet, daneben durch Zwangsverpflichtete aus dem Oberamtsbezirk, sowie überregional angeworbene Kräfte und “Arbeitssoldaten”. Letztere wurden überwiegend in Gerlingen einquartiert, zeitweise 80 Mann samt 54 Frauen und 60 Kindern. Das waren 194 Personen für ein armes, beengtes Dorf mit nur 952 Einwohnern!

Obwohl nach hergebrachtem Recht dem Herzog nur “Hagens- und Jagensfron” zu leisten war, wurden die Schultheißen unter Strafandrohung gezwungen, Mitbürger zu vielfältigen und illegalen Frondiensten abzustellen. Zu den Hand-Fronen wie Bauen und Rodung sowie dem “Auffwarten”, zu denen ärmere Leute verpflichtet wurden, kamen Fuhr-, Roß- und Herrschaftsfuhr-Fronen für wohlhabendere Bürger. Wer keine Zugtiere hatte, musste die Verpflichtung durch Geld ablösen, wozu selbst der Gemeinderechner Rüger nicht imstande war, wie sein – vergeblicher – Bittbrief an den Herzog von 1769 zeigt. Zahlreiche Belege über Frondienste und sonstige Leistungen für den Schlossbau finden sich im Gerlinger Stadtarchiv. Die Bauarbeiten waren zudem gefährlich und mit Johannes Keyl sowie Johannes Schopf sind dabei mindestens zwei Gerlinger im Jahre 1767 tödlich verunglückt.

Natürlich hatte Gerlingen auch Steine und Holz zu liefern. Die Schilf- und Stubensandsteine wurden in der Fron gebrochen und angeliefert, doch drückender waren die Lieferverpflichtungen für das ohnehin knappe Bau- und Brennholz. Hinzu kam, dass der Herzog die Lieferungen wie auch Frondienste und Einquartierungen entweder nicht, nur in Teilbeträgen oder mit jahrelanger Verspätung zahlte. Dies alles vor dem Hintergrund von Missernten in den Jahren 1770-72, die zu Brotschulden des Dorfes Gerlingen führten, die sie “in zwei, drei oder mehreren Jahren nicht abtragen könnten!”

Schon 1775 hatte Herzog Carl Eugen die Solitude verlassen. Später wurden viele Gebäude abgerissen oder wie der Dom St. Eberhard in Stuttgart versetzt. Nachdem Gerlingen kirchlich und schulisch immer für die Solitude zuständig geblieben war, wurde sie im Jahre 1858 auch offiziell Teilgemeinde von Gerlingen. Doch durch Verfügung des Reichsstatthalters von Württemberg vom 16. März 1942 wurde die Markung Solitude mit 429 ha und weitere 42 ha südlich (heutige Kliniken und KSG-Sportplätze) gegen eine Entschädigung von 300.000 RM nach Stuttgart eingemeindet. Nur letztere 42 ha wurden im Vergleich von 1951 an die Gemeinde Gerlingen zurückgegeben, die trotz Antrag beim Innenministerium und 990 Unterschriften Gerlinger Bürger keine Chance gegen die Interessen der Landeshauptstadt und wohl auch der Landesregierung hatte. Immerhin erhielt Gerlingen einen finanziellen Ausgleich von DM 400.000, der die Fertigstellung der Pestalozzischule und den erstmaligen Bau einer Kanalisation ermöglichte. Mehr Informationen finden Sie im Heimatblatt Nr. 2 „Die Gerlinger und ihre Solitude“, das für 2 € im Stadtarchiv erhältlich ist.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass Schloss Solitude mit Blut, Schweiß und Tränen der Gerlinger auf unserem Grund und mit Material aus unserer Gemarkung gebaut wurde. Deshalb gehört es zu unserem historischen Erbe, das wir mit berechtigtem Stolz als Schmuckstück vorzeigen können.

Jürgen Wöhler, Vorsitzender
www.heimatpflegeverein-gerlingen.de

Am 10. 7. 2020 im Gerlinger Anzeiger, S. 15/16 veröffentlicht.

Gerlinger Anzeiger vom 19.06.2020
Gerlinger Anzeiger vom 19.06.2020
Gerlinger Anzeiger vom 12.06.2020
Gerlinger Anzeiger vom 12.06.2020
Gerlinger Anzeiger vom 05.06.2020
Gerlinger Anzeiger vom 05.06.2020
Gerlinger Anzeiger vom 22.05.2020
Gerlinger Anzeiger vom 22.05.2020
Gerlinger Anzeiger vom 30.04.2020
Gerlinger Anzeiger vom 30.04.2020
Gerlinger Anzeiger vom 10.02.2020
Gerlinger Anzeiger vom 10.02.2020
Gerlinger Anzeiger vom 11.10.2019
Gerlinger Anzeiger vom 11.10.2019
Gerlinger Anzeiger vom 27.09.2019
Gerlinger Anzeiger vom 27.09.2019
Gerlinger Anzeiger vom 07.09.2019
Gerlinger Anzeiger vom 07.09.2019
Abipreisverleihung
Gerlinger Anzeiger vom 19.07.2019
Gerlinger Anzeiger vom 5.04.2019
Gerlinger Anzeiger vom 11.10.2018
Gerlinger Anzeiger vom 11.10.2018
Gerlinger Anzeiger - Zielscheibe
Gerlinger Anzeiger - Nummer 41 / 11. Oktober 2018
Gerlingen - einst und jetzt
„Gerlingen gestern und heute“ anlässlich 60 Jahre Stadterhebung am 8. Mai 2018
Strohgäu Extra
Strohgäu Extra vom 5. Mai 2018

Lesen Sie den Bericht von Klaus Wagner in der Stuttgarter Zeitung.

Gerlinger Anzeiger
Gerlinger Anzeiger vom 20. März 2018