Aktuelles

Das Versteck der Töchter Schiller im Gerlinger Wald.


Bekanntlich hatte unser Dichterfürst Friedrich Schiller (1759-1805) drei Schwestern. Christophine (*1757), Luise (*1766) und seine schon im März 1796 verstorbene und am Chor der Gerlinger Petruskirche begrabene Lieblingsschwester Nanette (*1777). Während Friedrich auf der Hohen Karlsschule eine umfassende Bildung erhielt, waren die Erziehungsideale für die Töchter völlig anders. Wie wir aus einem Brief der Mutter Elisabeth Schiller wissen, standen Herzensbildung, Tugend, Fleiß und Sparsamkeit sowie Christentum im Vordergrund. Daneben waren Kenntnisse in Französisch, Musik und feinen Sitten wichtig für das Finden einer standesgemäßen Partie mit sicherer Stellung und auskömmlichen Einkünften. Das gelang bei Christophine, die 1786 mit schon 29 Jahren den zwanzig Jahre älteren Bibliothekar Reinwald heiratete, während Luise auf Anraten ihres Bruders 1799 im Alter von 33 Jahren den der Familie aus seiner Zeit  als Vikar in Gerlingen verbundenen Pfarrer Frankh ehelichte. Vordringlich aber war damals für Eltern von Töchtern, dass diese „unversehrt“ in die Ehe gehen konnten.

Man kann sich daher die Sorgen der Mutter Schiller vorstellen, als sich im Juli 1796 der Einmarsch regulärer französischer Truppen ankündigte, denen ein plünderndes Freikorps vorauszog. Eine schon vorbereitete Flucht in die befestigte Amtsstadt Leonberg war unmöglich wegen der schweren Erkrankung des pflegebedürftigen Vaters, der den Frauen  trotz seines militärischen Ranges als Obristwachtmeister (Major) keine Hilfe sein konnte. Christophine, die seit Mai des Jahres zur Mithilfe bei der Pflege des Vaters auf die Solitude gekommen war, schilderte in einem Brief an ihren Bruder, dass die französischen Freischärler die Türen mit einem Säbelhieb aufsprengten, Geld sowie vor den Augen des hilflosen Vaters seine Kleidung mitnahmen und was ihnen sonst gefiel. Kein Wunder, dass die Mutter von ihr und Luise dringend verlangte, dass sie sich umgehend versteckten. Den folgenden „längsten Tag in ihrem Leben“ verbrachten Christophine und Luise mit einer anderen Familie von 7 Uhr morgens bis abends um 8 Uhr im Gerlinger Wald in einer „Höhle unter der Brücke“. Die Erlösung kam mit einem regulären französischen Kommando, dessen Anführer Leutnant Maillard bei Familie Schiller „Visite“ macht und sich für die Übergriffe der Freischärler entschuldigt.

Die Erwähnung des Brückenverstecks im Buch „Schloß Solitude“ von Gotthilf Kleemann auf Seite 182 ließ Herrn Dieter Schweizer, den langjährigen Vorsitzenden unseres Vereins für Heimatpflege nicht ruhen. Unter einem Weg, der westlich vom Bernhardsbachweg abzweigt, wurde er fündig und wie das obige Bild zeigt, war die bis heute gut erhaltene Brückenwölbung als Zuflucht bestens geeignet. Sie ist erst nach ca. 3 Meter steilem Abstieg vom Wegedamm und fast wie eine Höhle nur von der 2 Meter hohen Südöffnung her einsehbar, denn die nördliche Öffnung ist lediglich 50 cm hoch. Es gibt zwar keinen dokumentarischen Beweis, aber eine sehr hohe, an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit. Der Schreiber dieser Zeilen ist den möglichen Fluchtweg der Töchter Schiller in ca. 15 Minuten abgegangen. Dieser beginnt bei der damaligen Wohnung der Familie im von Osten her dritten Kavaliershaus Nr. 16, wie aus der Skizze aller Schillerwohnungen auf der Solitude bei Kleemann S. 167 ersichtlich. Von dort geht es am noch existierenden Teich entlang über damals vermutlich bestehende Parkwege quer über die heutige Wildparkstraße zu dem Brückengewölbe. Dieses war der Familie wohl bekannt, da über die Brücke von Schloß Solitude kommend in Richtung Bärensee ein immerhin 6 Meter breiter befestigter Weg führte, auf dem 2 Kutschen aneinander vorbeifahren konnten. Der Weg ist noch gut sichtbar, wenn auch inzwischen durch die Wildparkstraße unterbrochen. Ausgangspunkt zur Besichtigung wäre jetzt der Parkplatz beim ehemaligen Forsthaus 2, dann auf dem Bärensträßle nach knapp 100 Metern rechts abbiegen, oberhalb des Schiesshauses vorbei und bei Erreichen des Bernhardsbachweges rechts abbiegen auf den parallel zum Bach verlaufenden Zielweg. Dieser führt nach ca. 200 Metern über das von oben kaum sichtbare Brückengewölbe. Die Suche (Vorsicht: es ist nicht die Tauschbrücke!) lohnt sich jedenfalls und bringt Spannung in den Sonntagsspaziergang zum Bärensee.

Jürgen Wöhler, Vorsitzender
www.heimatpflegeverein-gerlingen.de

Brückengewölbe im Gerlinger Wald

Brückengewölbe im Gerlinger Wald.

Am 30. 10. 2020 im Amtsblatt der Stadt Gerlingen veröffentlicht.

“Vom Esse kommt´s net”

– Tröstliches von Luise Drißler –


Den kommenden Festtagen mit weihnachtlicher Stimmung sehen wir auch dank Gebäck und Gänsebraten mit Freude entgegen – getrübt allenfalls durch die Befürchtung nachweihnachtlicher Diäten. Inwieweit sich auch der in Corona-Zeiten erschwerte sportliche Kalorienabbau auswirkt, wird erst im Januar der Blick auf die Waage zeigen. Im Zielkonflikt zwischen Essensgenuss und Diktatur des Maßbandes können die Verse unser Gerlinger Heimatdichterin Luise Drißler als Trost oder zur Erheiterung dienen:

Gedicht „Vom Essen kommt´s net“

Von Luise Drißler, geb. Schweizer (1906-1982) wurde anläßlich ihres 65. Geburtstags 1971 von der Stadtverwaltung ein Band mit Heimatgedichten herausgegeben. 1977 erschien im Bleicher Verlag der nach obigen Versen benannte Gedichtband „Vom Esse kommt´s net“. Darin nahm sie ihre etwas mollige Figur selbst auf den Arm, wie Gertrud Müller im Portrait auf S. 126 – 144 des sehr lesenswerten Buches „Gerlinger Frauengeschichten“ ( Erstauflage 2007 ) schreibt.

Luise Drißler war eine einfache Frau, die nach der Volksschule in wirtschaftlich schwieriger Zeit als Waldarbeiterin tätig war, später in einer Fabrik und dann bei der Post, zuletzt in Gerlingen. Sie war mit einer heiteren, fröhlichen Art und einer wachen Wahrnehmung gesegnet. In unzähligen handschriftlichen Gedichten hielt sie tägliche Beobachtungen und Empfindungen fest, dazu mit knitzem Humor die kleinen Schwächen ihrer Mitmenschen, wobei sie sich selbst nicht aussparte. 1981 folgte ein weiterer Gedichtband – erschienen im Bleicher-Verlag -, ebenfalls redigiert von unserem Mitglied, der ehemaligen Stadträtin Gertrud Müller. Viele von „Luisle´s“ Gedichten sind anlassbezogen, wie zur Eröffnung des Stadtrundweges 1980, aber auch oft zeitlos anregend, wie unser Gedicht hier beweist. So hat sie bleibende Spuren hinterlassen, wie die letzten Zeilen aus dem Nachruf von Hermann Höschele im Gerlinger Anzeiger deutlich machen:

 

Kann man viel Besseres denn sagen

Von eines Menschen Lebenstagen,

als dass er andern Freud´ gemacht?

Sie tat´s – ihr sei voll Dank gedacht!

 

Das Buch „Gerlinger Frauengeschichten“, ( 2. korrigierte Auflage von 2013 ) ist zum Preis von € 8,– an der Zentrale im Rathaus erhältlich.

Bevor ich Ihnen guten Appetit für die Festtage wünsche, schulde ich dem Restaurant „Fässle“ eine Entschuldigung. Ich hatte es peinlicherweise trotz über hundertjähriger Geschichte und guter kulinarischer Erinnerungen bei der Aufzählung schön restaurierter Gasthäuser im GAZ vom 23. 10. 2020 vergessen.

Jürgen Wöhler, Vorsitzender
www.heimatpflegeverein-gerlingen.de

Vom Esse kommt's net

Vom Esse kommt’s net

Am 30. 10. 2020 im Amtsblatt der Stadt Gerlingen veröffentlicht.

Ölquelle auf der Schillerhöhe!


Dies war ein Kommentar im Gerlinger Gemeinderat als Bürgermeister Wilhelm Eberhard am 11. Juni 1963 in nicht-öffentlicher Sitzung erstmals die geplante Ansiedlung der Robert Bosch GmbH auf der Schillerhöhe vorstellte. Schon am 7. 8. billigte der Gemeinderat den Vertragsentwurf über den Verkauf von 10 Hektar Wald, der am 15. August 1963 notariell beurkundet wurde. Heute völlig undenkbar ist nicht nur die Schnelligkeit, sondern vor allem, dass die Vertraulichkeit bis zum 28. 2. 1964 gewahrt wurde, als Bosch-Chef Hans L. Merkle in einer kurzfristig angesetzten Pressekonferenz die Bombe platzen ließ. Auch Gisela Kutter, die als Sekretärin bei Bosch die Pressekonferenz protokollierte, war völlig überrascht. Sie ist aber wehmütigem Umzug von Stuttgart-Zentrum ins „Nirwana“ inzwischen begeisterte Gerlingerin und Mitglied im Verein für Heimatpflege.

Kalt erwischt wurde damals auch die Stadt Stuttgart, obwohl sie hätte vorgewarnt sein können, da sie Bosch keine Erweiterungsmöglichkeiten bieten konnte oder wollte. So verblieben Stuttgart neben viel Häme in der Presse nur der juristische Sitz und die Telefonvorwahl, allerdings auch bedeutende Produktionsanlagen in Feuerbach, wo schon vor dem 2. Weltkrieg viele 500 Gerlinger arbeiteten. Abgesehen von familiären Banden der Familie Bosch zu Gerlingen hatte es schon 1959 Kontakte der Firma Bosch mit Gerlingen gegeben, doch für eine Fertigungsstätte im Tal fehlte vor allem ein Bahnanschluss.

Mit der Pressekonferenz Ende Februar 1964 begann in Gerlingen eine lebhafte Diskussion über Für und Wider der Ansiedlung, die vor allem in der Waldsiedlung Befürchtungen auslöste. Doch letztlich setzten sich die Argumente durch, die Bürgermeister Eberhard als „Vater“ des Projekts am 4. 3. 1964 in der ersten öffentlichen Gemeinderatssitzung zu Bosch auf der Schillerhöhe präsentierte. Das waren die geringe forstliche Qualität des „Schälwaldes“ auf sumpfigem Gelände, vor allem aber die wirtschaftlichen Vorteile. Entgegen landläufiger Vermutung wurde der Ausbau der Wildparkstraße nicht durch Bosch initiiert, sondern die schon vorhandene Planung wirkte als positiver Standortaspekt.

Natürlich gibt es viele Gründe für den wirtschaftlichen Aufschwung Gerlingens, aber Bosch ist sicher ein ganz wesentlicher Faktor. Betrug die Steuerkraft je Einwohner 1953 umgerechnet nur bescheidene 28 €, stieg sie von 267 € (1973) über 946 € (1993) auf aktuell 4000 € (2019).

Der Umzug auf die Schillerhöhe zunächst der Forschung und dann der Hauptverwaltung vollzog sich sukzessiv bis zum Herbst 1970. Dass in Gerlingen der 28. 10. 1970 als Jubiläumsanlass gesehen wird, liegt am “Antrittsbesuch” des Gemeinderats bei Hans L. Merkle, aus dessen Begrüßung folgende Worte fortgelten: “Wir sind gerne in diese Stadt gekommen und fühlen uns wohl auf der Gerlinger Schillerhöhe. Wir wollen als multinationales Unternehmen ein guter Bürger dieser Stadt sein und bleiben”. Damit hat er einen Aspekt angesprochen, der ebenso wichtig ist, wie die Gewerbesteuerzahlungen. Es ist die Mitwirkung der Firma Bosch und vieler Boschler am bürgerschaftlichen Miteinander in Gerlingen. Dafür stehen beispielhaft die Unterstützung durch die Heidehof-Stiftung beim Bau des Seniorenheims in den Breitwiesen, des Kinderhauses Waldsiedlung, der Kindergruppe Windelflitzer und des Gymnasiums, das zu seinem 40jährigen Bestehen in Robert-Bosch-Gymnasium benannt wurde. Vom Zuzug junger Mitarbeiter-Familien profitieren unsere Vereine und das Kulturleben wird durch die Bosch-Theatergruppe, den angesehenen Bosch-Chor und das Sinfonieorchester bereichert. Es ist erfreulich, dass sich Bosch ungeachtet der Verlagerung der Forschung nach Malmsheim zum Standort Gerlingen bekennt und dies durch Schaffung von Arbeitsplätzen auf der Höhe und aktuell im Gewerbegebiet an der Dieselstraße dokumentiert. Bürgermeister Georg Brenner a.D. lobte Bosch als Leuchtturmprojekt, sein Vorgänger Albrecht Sellner als Erfolgsgeschichte von A – Z und Bürgermeister Dirk Oestringer als prägend für unser Stadtleben. Der Verein für Heimatpflege wünscht unserem „Mitbürger“ Robert Bosch GmbH auch für die nächsten 50 Jahre in Gerlingen Wohlbefinden und Erfolg.

Jürgen Wöhler, Vorsitzender
www.heimatpflegeverein-gerlingen.de

Bosch Schillerhöhe Verwaltungsgebäude

Schon von weitem ist das markante Hauptverwaltungsgebäude des Weltkonzerns sichtbar.

Bosch Gemeinderat Schillerhöhe 1970

Die im Vordergrund stehende Sonnenuhr wurde beim Besuch des Gemeinderats auf der Schillerhöhe als Geschenk der Stadt übergeben.

Am 30. 10. 2020 im Amtsblatt der Stadt Gerlingen veröffentlicht.

400 Jahre Bistro-Café-Courage?


Schon 1583 wurde das Domizil des Courage in der Eltinger Straße 2 erbaut. Lange galt es als ältestes Haus Gerlingens, bis 1991 das Firstständerhaus (Nr. 7 des Stadtrundwegs) neben der 1495 vollendeten Petruskirche auf 1417/18 datiert wurde. Hinter VfB-Fahne und Sonnenschirmen ist die alte, schön renovierte Fachwerkkonstruktion gut zu erkennen. Ein genaueres Hinsehen lohnt sehr, denn ganz rechts am Kopf eines Tragebalkens findet sich neben dem Baujahr 1583 auch ein Meisterzeichen in Form eines M mit Kreuz. 1595 starb in Gerlingen der Zimmermann Melchior Kreutzer. Daher dürfte er dieses Gebäude gebaut haben. Auf dem heutigen Vorplatz des Courage stand früher ein Kettenbrunnen, aus dem das Wasser mit Eimern heraufgeholt wurde, denn Leitungswasser gab es in Gerlingen erst ab dem Jahr 1903. Der nachfolgende Pumpbrunnen ist älteren Bürgern noch als “Lemppenaus Brunnen” in Erinnerung, denn Lemppenau hieß der Kaufmann, der im Nachbargebäude Nr. 4 ein Ladengeschäft betrieb.

Isabell Zimmermann hat als Besitzerin und Betreiberin des Courage eine besonders enge Beziehung zu dem Haus, das seit Generationen im Familienbesitz ist und in dem schon ihr Großvater geboren wurde. Im Jahr 1959 eröffnete die Feuerbacher Volksbank im Erdgeschoß des Wohngebäudes eine Filiale und ersetzte die alten Fenster durch ein Schaufenster, das zusammen mit der Glastüre die gesamte Front des Hauses einnahm. Als die Bank – seit 1970 Stuttgarter Volksbank und seit 2010 Volksbank Stuttgart – 1989 in die Kirchstraße umzog, wurde das Haus in Abstimmung mit dem Landesdenkmalamt, dessen Einfluss auch im Inneren erkennbar ist, renoviert. Es wurde aber nicht in den Urzustand mit hochliegenden kleinen Fenstern zurück gebaut, sondern zum Bistro-Café-Courage umgebaut, wie wir es heute kennen.

Wie kam es dazu? Mit dem Auszug der Bank stellte sich für Familie Zimmermann die Frage der künftigen Nutzung, wobei wegen des Schaufensters und der guten Lage ein Ladengeschäft naheliegend gewesen wäre. Doch die damals erst 20jährige Isabell, die eine kaufmännische Ausbildung absolviert hatte, bewies Courage. Sie entschloss sich, gemeinsam mit drei Freunden und unter Verzicht auf Ruhetage ein Bistro-Café mit Außenbereich aufzumachen. Ganz spontan kam sie auf den bis heute aktuellen Namen “Courage” und verneint Assoziationen mit Brechts Mutter Courage oder ihrer Courage zur Eröffnung des eigenen Lokals. Von Anfang an wurde das Courage zu einem Treffpunkt nicht nur junger Gerlinger, zeigte attraktive EM-/WM-Fußballspiele und später auch Bundesliga, wobei der VfB Stuttgart natürlich die meisten Fans anzog. Seit 2007 gibt es einen VfB-Fanclub Gerlingen, dessen Clublokal und inzwischen sogar “Offizieller VfB-Treff” das Courage ist. Regelmäßig suchen prominente VfB-Kicker oder Funktionäre hier den Kontakt mit ihren Anhängern.

Wir Gerlinger können uns glücklich schätzen, neben dem Courage auch andere vorbildlich restaurierte Gasthäuser zu haben. So den Gerlinger Hof, das Fässle, die Gaststätte Im Wengert und neu aufgebaut die ehemalige Krone sowie das Alt-Gerlingen (früher Schwanen) und hoffentlich bald restauriert den Hirsch.

Städtebaulich setzt das Courage am Anfang des Hauptstraßenrings einen ebenso geschichtsträchtigen wie lebendigen Farbtupfer und der trotz Feinstaubdiskussion immer gut frequentierte Außenbereich gibt Gerlingen ein bistrotypisches südländisches Flair. Möge uns das schöne Fachwerkhaus weitere 437 Jahre erhalten bleiben und das Courage natürlich ebenso.

Jürgen Wöhler, Vorsitzender
www.heimatpflegeverein-gerlingen.de

Courage mit Detail

Am 23. 10. 2020 im Amtsblatt der Stadt Gerlingen veröffentlicht.

Heimatpflegeverein übergibt neuen Flyer zum Stadtrundweg an Bürgermeister Dirk Oestringer


Am 03. September 2020, fast auf den Tag genau 40 Jahre nach Eröffnung des Stadtrundweges überreichte der Verein für Heimatpflege Gerlingen den überarbeiteten Flyer zum Stadtrundweg an Bürgermeister Dirk Oestringer. Mit dabei war unser Ehrenbürger und früherer Bürgermeister Albrecht Sellner, der 1979 als Erster Beigeordneter wesentlich an der Gründung des Heimatpflegevereins und dann an der Schaffung des Stadtrundweges beteiligt war. In Ergänzung zu der schon 1980 erstmals aufgelegten ausführlichen Broschüre, welche die einzelnen Stationen erläutert und ergänzende Informationen bietet, hat der Verein 2016 einen kurzgefassten Flyer als Faltblatt herausgebracht. Dieser wird kostenlos an Interessierte abgegeben und liegt im Rathaus, im Stadtmuseum, in der Stadtbücherei und an weiteren Stellen aus. Infolge von Veränderungen im Stadtbild wurde eine überarbeitete Neuauflage sinnvoll, die mit der Übergabe an den Bürgermeister der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.

Bürgermeister Oestringer dankte dem Verein für das große Engagement zum Erhalt des gewachsenen Stadtbildes und zur Vermittlung von Wissen über die Geschichte der Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten. Gerne mache er Besucher auf den Stadtrundweg aufmerksam, den er auch persönlich sehr schätze. Er ermutigte den Verein ausdrücklich, seine Aktivitäten fortzusetzen und versprach seitens der Stadt weiterhin gute Zusammenarbeit. Dazu gehöre die enge Kooperation mit dem Stadtarchiv und dem Stadtmuseum, die durch Klaus Herrmann und Christina Vollmer vertreten waren.

Jürgen Wöhler dankte als Vorsitzender des Vereins den Vorstandsmitgliedern Eberhard Köble und Gerhard Schweizer, die qualitätsvolle Bilder zum neuen Flyer beigesteuert haben, Klaus Herrmann für das Lektorat sowie Petra Hagelauer für die graphische Gestaltung. Die Ermutigung durch Bürgermeister Oestringer aufnehmend kündigte er die Überarbeitung auch der ausführlicheren Broschüre zum Stadtrundweg an. Er hoffe, dass der neue Flyer die Popularität des Stadtrundwegs weiter steigert und zusammen mit den 32 Stationen vor allem jüngeren Gerlingern die Sehenswürdigkeiten ihrer Heimatstadt näher bringt.

Jürgen Wöhler, Vorsitzender
www.heimatpflegeverein-gerlingen.de

Übergabe Stadtrundweg-Flyer

Hinter Bürgermeister Dirk Oestringer und Jürgen Wöhler von li. n. r. Brigitte Fink, Gabriele Schwarz und Christina Vollmer sowie Eberhard Köble, Klaus Herrmann und Albrecht Sellner.

Am 11. 9. 2020 im Amtsblatt der Stadt Gerlingen veröffentlicht.

Heiteres Beruferaten: Gerlingen anno 1776!


Dampflokheizer, Stenotypistin oder Telefonvermittlung waren vor nur 50 Jahren gängige Berufe, finden sich aber heute in keiner Stellenanzeige. Umgekehrt hätte man sich damals unter Compliance-Abteilung, Webdesigner oder Gleichstellungsbeauftragte wenig bis nichts vorstellen können. Noch nie war der Wandel von Berufsbildern so dramatisch schnell, auch wenn man die Bedeutung der zuerst genannten Berufe noch kennt.

Anders sieht es bei den im Dorf Gerlingen vor 250 Jahren vertretenen Berufen aus, wo die Söhne und Enkel den Beruf der Vorfahren übernahmen. Friedrich Schaffert, unser Ehrenbürger und langjähriger Archivleiter hat für das Jahr 1776 das Seelenregister des Pfarrers Ludwig Christian Pfeilsticker ausgewertet, dazu alte Kirchenbücher und weltliche Inventurakten. Neben hoch interessanten Details zu Familienverhältnissen und Sozialstruktur der ca. 1000 Einwohner hat er die Berufe aufgeführt, die uns heute oft unbekannt sind. Oder kennen Sie die folgenden Berufe und Funktionen?

Zainenmacher (macht Körbe), Küfer (Fässer), Wagner (Räder), Seiler (Seile), Salpeterer (sammelt in den Ställen Salpeter für Schießpulver), Maulwurfsfänger, Kärcher (Karrenführer), Kübler (Holzgefässe), Orgeltreter, Feldmesser, Fleckenschäfer, Nachtwächter, Kühhirt, Umgelter (kassiert “Umgeld”, eine Verbrauchsteuer auf alkoholische Getränke), Zoller (Zolleintreiber), Strumpfweber, Heiligenpfleger (Kirchenpfleger).

Daneben gab es die Kerzenmeister des Schneider- und des Schuhmacherhandwerks, den Obermeister Maisch der Küferzunft, einen Dorf- und einen Waldschütz sowie natürlich auch heute noch aktuelle Berufe. Allerdings unterscheiden sich deren Zahlen beträchtlich, denn es gab 1776 einschließlich Ruheständlern aber ohne Auszubildende immerhin 13 Metzger, 12 Bäcker, 69 Weingärtner und 30 Bauern. Als Bauern galten aber wohl nur Selbständige, während Weingärtner auch Taglöhner oder Arbeiter sein konnten. Zudem hatten fast jede Familie und sogar der Pfarrer etwas Vieh und einen Acker oder Weinberg. Mangels Zugang zur Glems gab es keinen Müller in Gerlingen, dafür die ganz besondere Berufsangabe “Eigenbrötler”, was den einzigen Junggesellen bezeichnete.

Jürgen Wöhler, Vorsitzender
www.heimatpflegeverein-gerlingen.de

Türschild von Küfermeister Maisch 1787

Türschild von Küfermeister Maisch

Am 28. 8. 2020 im Gerlinger Anzeiger veröffentlicht.

Vom Gasthaus “Schwanen” zum Metermaß und zur Hausnummerierung

Wie kommt man zu einer Überschrift mit solchen Assoziationen? Indem man für das ehemalige Gasthaus Schwanen in der Neuauflage des Flyers zum Stadtrundweg einen fundierten Kurztext recherchieren will und auf überraschende Erkenntnisse stößt.


Alter Schwanen von 1871, Meterstr. 10

Alter “Schwanen” von 1871, Meterstr. 10


Es beginnt mit der ungewöhnlichen Adresse Meterstraße, die es sonst wohl nur noch in Hannover gibt. Unsere Gerlinger Meterstraße war 1871 eine der ersten Straßen außerhalb des Etters als überkommener Dorfgrenze und die erste im neuen Metermaß vermessene sowie völlig gerade Straße. Das französische Metersystem war zum 1. 1. 1872 auch im Königreich Württemberg verbindliches Längenmaß geworden und mit der Straßenbenennung zeigte sich Gerlingen an der Spitze des Fortschritts.

Bei Herleitung von Straßennamen in Gerlingen stößt man zwangsläufig auf die einschlägige Veröffentlichung von Klaus Herrmann, Leiter unseres Stadtarchivs. Dort findet sich die Information, dass Gerlingen erst im Jahre 1900 durch Gemeinderatsbeschluss die Hausnummern nach Straßen zugeteilt hat, wobei der “Schwanen” zu Meterstraße 10 wurde. Zuvor gab es für den gesamten Ort durchlaufende Hausnummern. Neu erbaute Häuser wurden nach der letzten Nummer angefügt, was bei zuletzt 276 zum Teil weit verstreuten Hausnummern wohl nicht nur den Postboten überforderte. Dabei war diese chronologische Nummerierung schon ein Fortschritt gegenüber dem Beginn des 19. Jahrhunderts, als Häuser nur nach ihrer Lage, dem Besitzer oder dem Aussehen bezeichnet wurden.

Doch zurück zum alten “Schwanen”, der 1871 am Ende der Eltinger Straße, dem damaligen Ortsende erbaut und 1910 vom Wirt und Bäckermeister Eduard Wagner durch einen Saalanbau vergrößert wurde. Zielkundschaft waren vor allem die Steinbrucharbeiter, die am Abend von den Brüchen auf der Gerlinger Heide, Im Köngemann oder bei der Füllerstrasse zurückkamen.

Neuer "Schwanen", 1928-2000, Ecke Haupt-Kirchstr.

Neuer “Schwanen”, 1928-2000, Ecke Haupt-/Kirchstr.


Doch 1928 verlegte Eduard Wagner den “Schwanen” an die zentral gelegene Ecke Haupt-/ Kirchstraße, wo sich heute das 2001 neuerbaute “Alt-Gerlingen” befindet. Der alte “Schwanen” wurde nicht mehr als Gasthaus genutzt, diente aber während des Zweiten Weltkrieges als Unterkunft für französische Kriegsgefangene. Eduard Wagner folgte damals wie heute jedes Fast-Food-Restaurant dem Kundenverkehr, denn es gab kaum noch Steinbrucharbeiter, aber regen Besucherverkehr am neuen Standort. Dort war neuerdings die Endhaltestelle der Straßenbahn von Feuerbach mit vielen pendelnden Fabrikarbeitern und am Wochenende kamen Spaziergänger aus Stuttgart mit Ziel Solitude. Ältere Gerlinger erinnern sich auch sicher noch gerne an Festlichkeiten und Tanzvergnügen im großen Saal des “Schwanen”.

Jetzt gibt der alte “Schwanen” Anlass für einen Ausflug in die Gerlinger Geschichte. Damit wollen wir auch Vorfreude auf den neuen Flyer zum Stadtrundweg wecken, der am 5. September 2020 vorgestellt wird. Das ist auf den Tag genau 40 Jahre nachdem der Verein für Heimatpflege Gerlingen den Stadtrundweg der Öffentlichkeit übergeben hat.

Jürgen Wöhler, Vorsitzender
www.heimatpflegeverein-gerlingen.de

Am 7. 8. 2020 im Gerlinger Anzeiger veröffentlicht.

Die Gerlinger und ihre Solitude


Gerne zeigen wir auswärtigen Gästen im Vorbeifahren oder beim Spaziergang die Solitude und genießen deren Begeisterung über das schöne Schloss und den spektakulären Ausblick. Dass man sich nicht mehr auf Gerlinger Gemarkung befindet, wird schamhaft verschwiegen oder von historisch Informierten mit der Enteignung durch die Nationalsozialisten im jahr 1942 entschuldigt.

Am Vergleich vom 12. Juni 1951, in dem Gerlingen gegen einen finanziellen Ausgleich auf Rückgabe der Solitude durch Stuttgart verzichtete, lässt sich leider nicht mehr rütteln. Doch für unseren historischen und moralischen Anspruch auf die Solitude gibt es genügend gute Gründe: die Lage des Schlosses auf überwiegend Gerlinger Markung, aber auch die beim Bau überwiegenden Gerlinger Fron- und Quartierdienste sowie Materiallieferungen – oft ohne entsprechende Entlohnung.

Schloss Solitude

Herzog Carl Eugen (1728-93) beschloss bei einer Herbstjagd im Jahr 1763, mitten im Jagdrevier und mit großartigem Ausblick ein Jagdschloss zu bauen, um sich in der “Einsamkeit” (frz.: solitude) zu erholen. Schon im November, nach Ernte und Weinlese wurde mit Rodungsarbeiten begonnen. Obwohl der größte Teil des “Solitude-Bauweßens” auf Gerlinger Markung lag, findet sich kein Beleg für Kauf oder vertragliche Abtretung. Deshalb dürfen wir von einer Enteignung ohne einen einzigen Federstrich ausgehen.

Ein Großteil der Arbeiten wurde als Frondienste durch Gerlinger geleistet, daneben durch Zwangsverpflichtete aus dem Oberamtsbezirk, sowie überregional angeworbene Kräfte und “Arbeitssoldaten”. Letztere wurden überwiegend in Gerlingen einquartiert, zeitweise 80 Mann samt 54 Frauen und 60 Kindern. Das waren 194 Personen für ein armes, beengtes Dorf mit nur 952 Einwohnern!

Obwohl nach hergebrachtem Recht dem Herzog nur “Hagens- und Jagensfron” zu leisten war, wurden die Schultheißen unter Strafandrohung gezwungen, Mitbürger zu vielfältigen und illegalen Frondiensten abzustellen. Zu den Hand-Fronen wie Bauen und Rodung sowie dem “Auffwarten”, zu denen ärmere Leute verpflichtet wurden, kamen Fuhr-, Roß- und Herrschaftsfuhr-Fronen für wohlhabendere Bürger. Wer keine Zugtiere hatte, musste die Verpflichtung durch Geld ablösen, wozu selbst der Gemeinderechner Rüger nicht imstande war, wie sein – vergeblicher – Bittbrief an den Herzog von 1769 zeigt. Zahlreiche Belege über Frondienste und sonstige Leistungen für den Schlossbau finden sich im Gerlinger Stadtarchiv. Die Bauarbeiten waren zudem gefährlich und mit Johannes Keyl sowie Johannes Schopf sind dabei mindestens zwei Gerlinger im Jahre 1767 tödlich verunglückt.

Natürlich hatte Gerlingen auch Steine und Holz zu liefern. Die Schilf- und Stubensandsteine wurden in der Fron gebrochen und angeliefert, doch drückender waren die Lieferverpflichtungen für das ohnehin knappe Bau- und Brennholz. Hinzu kam, dass der Herzog die Lieferungen wie auch Frondienste und Einquartierungen entweder nicht, nur in Teilbeträgen oder mit jahrelanger Verspätung zahlte. Dies alles vor dem Hintergrund von Missernten in den Jahren 1770-72, die zu Brotschulden des Dorfes Gerlingen führten, die sie “in zwei, drei oder mehreren Jahren nicht abtragen könnten!”

Schon 1775 hatte Herzog Carl Eugen die Solitude verlassen. Später wurden viele Gebäude abgerissen oder wie der Dom St. Eberhard in Stuttgart versetzt. Nachdem Gerlingen kirchlich und schulisch immer für die Solitude zuständig geblieben war, wurde sie im Jahre 1858 auch offiziell Teilgemeinde von Gerlingen. Doch durch Verfügung des Reichsstatthalters von Württemberg vom 16. März 1942 wurde die Markung Solitude mit 429 ha und weitere 42 ha südlich (heutige Kliniken und KSG-Sportplätze) gegen eine Entschädigung von 300.000 RM nach Stuttgart eingemeindet. Nur letztere 42 ha wurden im Vergleich von 1951 an die Gemeinde Gerlingen zurückgegeben, die trotz Antrag beim Innenministerium und 990 Unterschriften Gerlinger Bürger keine Chance gegen die Interessen der Landeshauptstadt und wohl auch der Landesregierung hatte. Immerhin erhielt Gerlingen einen finanziellen Ausgleich von DM 400.000, der die Fertigstellung der Pestalozzischule und den erstmaligen Bau einer Kanalisation ermöglichte. Mehr Informationen finden Sie im Heimatblatt Nr. 2 „Die Gerlinger und ihre Solitude“, das für 2 € im Stadtarchiv erhältlich ist.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass Schloss Solitude mit Blut, Schweiß und Tränen der Gerlinger auf unserem Grund und mit Material aus unserer Gemarkung gebaut wurde. Deshalb gehört es zu unserem historischen Erbe, das wir mit berechtigtem Stolz als Schmuckstück vorzeigen können.

Jürgen Wöhler, Vorsitzender
www.heimatpflegeverein-gerlingen.de

Am 10. 7. 2020 im Gerlinger Anzeiger, S. 15/16 veröffentlicht.

Gerlinger Anzeiger vom 19.06.2020
Gerlinger Anzeiger vom 19.06.2020
Gerlinger Anzeiger vom 12.06.2020
Gerlinger Anzeiger vom 12.06.2020
Gerlinger Anzeiger vom 05.06.2020
Gerlinger Anzeiger vom 05.06.2020
Gerlinger Anzeiger vom 22.05.2020
Gerlinger Anzeiger vom 22.05.2020
Gerlinger Anzeiger vom 30.04.2020
Gerlinger Anzeiger vom 30.04.2020
Gerlinger Anzeiger vom 10.02.2020
Gerlinger Anzeiger vom 10.02.2020
Gerlinger Anzeiger vom 11.10.2019
Gerlinger Anzeiger vom 11.10.2019
Gerlinger Anzeiger vom 27.09.2019
Gerlinger Anzeiger vom 27.09.2019
Gerlinger Anzeiger vom 07.09.2019
Gerlinger Anzeiger vom 07.09.2019
Abipreisverleihung
Gerlinger Anzeiger vom 19.07.2019
Gerlinger Anzeiger vom 5.04.2019
Gerlinger Anzeiger vom 11.10.2018
Gerlinger Anzeiger vom 11.10.2018
Gerlinger Anzeiger - Zielscheibe
Gerlinger Anzeiger - Nummer 41 / 11. Oktober 2018
Gerlingen - einst und jetzt
„Gerlingen gestern und heute“ anlässlich 60 Jahre Stadterhebung am 8. Mai 2018
Strohgäu Extra
Strohgäu Extra vom 5. Mai 2018

Lesen Sie den Bericht von Klaus Wagner in der Stuttgarter Zeitung.

Gerlinger Anzeiger
Gerlinger Anzeiger vom 20. März 2018